Nachhaltigkeit

Das Wort „Nachhaltigkeit“ ist seit Langem in aller Munde. Es ist zu einem Schlagwort geworden, das vielfach in Anspruch genommen, selten richtig verstanden und noch seltener konsequent eingelöst wird. So findet sich das Attribut „nachhaltig“ heute als werbewirksame, aber inhaltlich schwer überprüfbare Komponente im Rahmen der Marketingstrategie vieler Unternehmen. Manche Kritiker monieren deshalb, der Begriff sei aufgrund seiner dehnbaren und vielfältigen Definition zu einem „Gummiwort“ mutiert.

 

Tatsächlich ist Nachhaltigkeit oder auch „nachhaltige Entwicklung“ („sustainable development“) aber ein umfassendes Prinzip, dessen konsequente Umsetzung die Lebensbedingungen auf unserem Planeten radikal verbessern könnte.

Formuliert wurde das Prinzip der Nachhaltigkeit erstmals in einem alten kirchlichen Dokument, den Konstitutionen des Benediktiner-Ordens der Camaldolenser Eremiten von Camaldoli aus dem Jahre 1350 – gewissermaßen die erste Forstordnung Italiens. Die Benediktiner bewirtschafteten ihre Tannenwälder rund um das 1012 gegründete Kloster Camaldoli in der nördlichen Toskana ohne Kahlschläge, mit Einzelstammentnahmen und Nachpflanzungen. Das Kloster mit seinen von einem Abt verfassten Kriterien für nachhaltige Forstwirtschaft gilt daher als Keimzelle und „Wurzel der Nachhaltigkeit“. Den Begriff selbst verwendete erstmals 1713 Hans Carl von Carlowitz (1645-1714), Oberberghauptmann am kursächsischen Hof in Freiberg. Er beobachtete einen Zusammenhang zwischen der aus massiver Rodung resultierenden Holzknappheit und negativen ökologischen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Als Konsequenz dieser Erkenntnis forderte er einen sorgsamen Umgang mit der Ressource Holz. Darunter verstand er das ausgeglichene Verhältnis zwischen Anbau und Rodung.

 

Schon im späten Mittelalter waren die Kapazitäten der Wälder in vielen Regionen Mitteleuropas, besonders in solchen mit ausgeprägter Bergbau- und Montantradition, überschritten und die Begrenztheit der Ressource Holz deutlich geworden. Die sich anfänglich noch regional herausbildende Forstwirtschaft war eine Reaktion auf die bis dahin vorherrschende unkontrollierte Ausbeutung der Wälder. Ihre aus der Holzknappheit geborene ökonomische Durchsetzung führte in der Folge zu einer völlig neuen ─ nachhaltigen ─ Forstwirtschaft. Im 18. und 19. Jahrhunderte – als es in Deutschland kaum noch Wälder gab – stellten sich viele die Frage, wer von dieser neuen Forstwirtschaft profitieren würde und wer nicht. Man führe sich vor Augen, dass die Menschen in den Wintern der damaligen „Kleinen Eiszeit“ auf jedes Klafter Brennholz angewiesen waren, um nicht zu erfrieren. Der Bedarf war unmittelbar da und viel zu groß, als dass er hätte gedeckt werden können – es herrschte akute Holznot.

 

Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft bedeutet aber, dass genügend Bäume stehen bleiben ─ und die mussten verschiedentlich mit polizeilicher Gewalt vor dem Diebstahl durch verzweifelte Menschen geschützt werden. Ähnliche Interessenkonflikte sind auch heute in vielen Gebieten der Erde an der Tagesordnung (und für die Zukunft in noch höherem Maß zu erwarten), in denen Nachhaltigkeit einen fortgeschrittenen Raubbau ersetzen soll. Je früher Nachhaltigkeit daher einsetzt, desto größer sind die Chancen, derartigen Interessenkonflikte vorzubeugen oder sie zumindest zu begrenzen.

 

Die von der UN eingesetzte Brundlandt-Kommission formulierte 1987 das Leitbild einer auf Generationengerechtigkeit basierenden nachhaltigen Entwicklung. Damit wird eine Wirtschaftsweise propagiert, die neben ökonomischem Profit sowohl Umweltverträglichkeit als auch soziale Verantwortung einschließt und die Bedürfnisse jetziger Generationen mit denen künftiger vereinbart. Die Leitidee der Nachhaltigkeit basiert auf der Erkenntnis, dass Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft sich wechselseitig beeinflussende Systeme sind und ohne die Balance der Systeme der natürlicher Lebensraum gefährdet ist und nicht länger für die nachfolgenden Generationen gesichert werden kann.

 

Die Helsinki-Resolution von 1993 definiert „nachhaltige Waldwirtschaft“ zeitgemäß als: „die Behandlung und Nutzung von Wäldern auf eine Weise und in einem Ausmaß, das deren biologische Vielfalt, Produktivität, Verjüngungsfähigkeit, Vitalität sowie deren Fähigkeit, die relevanten ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Funktionen gegenwärtig und in der Zukunft auf lokaler, nationaler und globaler Ebene zu erfüllen gewährleistet, ohne anderen Ökosystemen Schaden zuzufügen.“ Im modernen, umfassende Sinn definiert das Duden-Universalwörterbuchs Nachhaltigkeit als „Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereitgestellt werden kann.“ Ziel von Nachhaltigkeit ist es also, ein Gleichgewicht zwischen der Nutzung und der Regeneration der Ressourcen zu schaffen.

 

Die Auswirkungen des Klimawandels werden für uns alle zunehmend sicht- und spürbar. Das globale Klima erwärmt sich, das ist nicht mehr zu leugnen. Das Wetter spielt verrückt, plötzliche Hitze- oder Kälteeinbrüche, sintflutartige Regenfälle, Tsunamis und orkanartige Stürme haben nicht nur im Bewusstsein der meisten Menschen deutlich zugenommen. Damit haben Fragen wie die nach einer ressourcenschonenden Energieerzeugung, einer effizienteren Energienutzung sowie der Minimierung des weltweiten Verbrauchs an Energie und des globalen Aufkommens an Abfallstoffen sowie schließlich der Reduktion aller Emissionen eine für die Menschheit existenzielle Bedeutung erlangt.

 

Von Peter Birke